Kristallisierte Energie
by Sarah Heidel
Im sächsischen Freiberg betreibt SolarWorld eine der modernsten Solarfabriken weltweit. Und produziert damit so viel Energieleistung wie ein Reaktorblock eines Atomkraftwerks.
Schnell eilt Lars Eppendorfer den Gang entlang von der Befüllung in die laute Halle mit den Kristallisationsöfen. Zwei Werker sind dabei, einen der metallenen Öfen mit Silizium zu beladen. Dann ein Wechsel in die Waferfertigung. Soeben wird ein kristallisierter Siliziumblock in quadratische Säulen zerteilt. Ist alles optimal? Lars prüft, bespricht die Abläufe mit den Arbeitern.
An seinem Schreibtisch in der Leitwarte sitzt er kaum. Denn Lars Eppendorfer ist Verlustjäger bei SolarWorld und immer unterwegs in der Produktion – auf der Suche nach Engpässen oder Verschwendung. Sein Einsatzgebiet beginnt dort, wo auch das Silizium seinen Weg hin zum Photovoltaikmodul antritt: in der Kristallisation.
Hier liegt das eigentliche Geheimnis der Solarzellenfertigung. Über Stunden wird das Silizium in einem großen Quarzgutbehälter mit spezieller Beschichtung unter Edelgasatmosphäre geschmolzen. Danach muss es anderthalb Tage lang vom Boden ausgehend gleichmäßig erstarren.Wenn hier etwas schiefgeht, wird später die Solarzelle durch Risse unbrauchbar.
SolarWorld hat im Gegensatz zu vielen anderen Solarunternehmen von Anfang an auf die gesamte Fertigungskette der Photovoltaikproduktion gesetzt. Das zahlt sich jetzt aus. Denn mit der Kristallisation kann das Unternehmen die Qualität seiner Solarzellen selbst steuern.
Die Produktion der Solarzellen liegt außerhalb von Lars Eppendorfers Bereich. Der Weg vom grauen Wafer, der hauchdünnen Siliziumscheibe, zur leitfähigen blauen Solarzelle läuft vollautomatisch. Dabei wechseln sich chemische und thermische Stationen ab: das Ätzen der Oberfläche im Säure-Laugen-Bad, danach die Diffusion von Phosphoratomen in den Wafer bei 800 Grad Celsius.
Nur wenn die Maschinen einen Materialschaden melden, greifen die Operator, wie hier die Arbeiter heißen, ein. Das plasmaunterstützte Auftragen von Siliziumnitrid als blaue Antireflexionsschicht oder das Einfeuern der Kontaktstreifen aus Silber, über die später der erzeugte Strom abgenommen wird – all das sind Standardprozesse der Solarzellenproduktion.
Worin sich jede Fertigung unterscheidet, sind die vor Ort entwickelten Details. Bei SolarWorld sind es zum Beispiel die Mischverhältnisse in den chemischenProzessen oder die Anordnung der silbernen Streifen auf der Solarzellenrückseite, über die Stillschweigen bewahrt wird.
Der Markt für Photovoltaikmodule ist hart umkämpft. Die Solarförderung sinkt, die Konkurrenz aus Asien macht Druck und die deutschen Pioniere können nur durch ständige Optimierung ihrer Produkte und Ausweitung der Produktionskapazitäten bestehen. Aktuellproduziert der Freiberger Standort am Tag 200 000 multikristalline Solarzellen mit einem Wirkungsgrad von über 16 Prozent.
Betriebsratsvorsitzende Anke Martin- Heede sieht vor allem die dünne Personaldecke, wenn sie in der Produktion unterwegs ist. Die gängige Praxis der befristeten Einstellungen und die seit Jahren hohe Zahl der Leiharbeiter – nicht ungewöhnlich in der Solarbranche – sind ihr ein Dorn im Auge.
Von den 15 Betriebsratsmitgliedern sind fast alle in der IG BCE, doch generell ist der Organisationsgrad im Betrieb nicht hoch. Da wollen sie ran, um Veränderungen bewirken zu können – auch tariflicher Art. Zurzeit baut der Betriebsrat ein Netzwerk von Vertrauensleuten auf. Die Auswirkungen sind schon spürbar, sagt Anke Martin- Heede: »Es kommen mehr Anfragen. Wir merken, dass Gewerkschaft und Betriebsrat präsenter werden.«
Fachkräftemangel bei den Ingenieuren, aber auch bei den Facharbeitern ist ebenfalls ein Thema für die SolarWorld-Betriebsräte. Sie verstehen nicht, warum den meisten Auszubildenden nach bestandener Abschlussprüfung nur ein befristeter Vertrag angeboten wird, obwohl in Freiberg Facharbeiter fehlen. »Wir sind stolz, in einem Zukunftsunternehmen der Solarbranche zu arbeiten«, sagt Anke Martin-Heede, »aber wir sind mit verschiedenen Dingen nicht einverstanden.«
Letzter Schritt, bevor die Siliziumzelle das Sonnenlicht in Energie verwandeln kann, ist die Solarmodulfertigung. In rasender Geschwindigkeit werden jeweils 60 Zellen zusammengelötet, laminiert, gerahmt und mit Anschlussdosen für die Stromabnahme versehen.
Die SolarWorld-Waferproduktion in Freiberg wird in diesem Jahr die Leistung von einem Gigawatt erreichen – so viel Energieleistung wie ein Reaktorblock eines Atomkraftwerks.
Susanne Kettelför





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