Wege zum Glück
by Redaktion
“Glücklich zu sein”, hat Heinrich von Kleist in einem seiner Briefe geschrieben, “ist ja der erste aller unserer Wünsche, der laut und lebendig aus jeder Ader und jedem Nerv unseres Wesens spricht, der uns durch den ganzen Lauf unseres Lebens begleitet.” Glück ist nicht weniger als ein Menschheitstraum. Das Problem ist nur, dass jeder sein persönliches Glück individuell definiert.

Manch einer empfindet Glück, wenn er ein schnelles Auto fährt, ein gut gepolstertes Bankkonto hat, ein eigenes Haus. Für den anderen ist es der Traumjob. Für den Nächsten der Traumpartner. Ganz viele empfinden ihre Kinder als das größte Glück der Erde. Wieder andere sind glücklich, wenn sie allein durch die Stille des Waldes streifen können.
Tatsache ist: Glück findet statt, wenn das Gehirn bestimmte Botenstoffe ausschüttet, Endorphine und Neurotransmitter, die uns ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Tatsache ist: Körperliche Berührungen beglücken fast jeden, ebenso Sport oder Arbeit oder auch nur Be-wegung an der frischen Luft. Keine Tatsache, sondern eine These ist, dass Geld nicht glücklich macht. Aber, sagt der Volksmund: Es beruhigt.
Interessanterweise steckt hinter etlichen Glückssymbolen, die wir auf Karten mit guten Wünschen zum neuen Jahr verschicken, ein Verweis auf materiellen Wohlstand: Glückspfennig, Hufeisen und Schwein stehen für Reichtum. Amerikanische Forscher haben herausgefunden, dass die Lebenszufriedenheit ihrer Landsleute in statistischer Beziehung zum wachsenden Gehalt steigt – bis sie umgerechnet 60.000 Euro im Jahr verdienen. Wird es noch mehr, ist nur noch mehr Geld da, nicht mehr Glück.
Seit ewigen Zeiten wird die Frage, wie es einem Staat und seinen Einwohnern geht, fast ausschließlich nach wirtschaftlichen Kriterien beantwortet: Man berechnet das Bruttoinlandsprodukt, also die Summe aller Waren und Dienstleistungen. Dort, wo das Bruttoinlandsprodukt hoch ist, lautet die Schlussfolgerung, müssen die Menschen zumindest in relativem Wohlstand leben, ergo zufrieden sein. Oder sogar glücklich.
Diesen Automatismus haben schon mehrere in Zweifel gezogen, beispielsweise 1972 der König von Bhutan. Damals erschien in der Financial Times ein Artikel, der die wirtschaftliche Entwicklung des buddhistisch geprägten Landes als zu schleppend kritisierte. Der König antwortete, die alleinige Betrachtung des Wirtschaftswachstums greife zu kurz. Man müsse auch Kultur und Religion einbeziehen, Humanismus und soziale Ausgewogenheit. Bhutan setzte eine Staatskommission für das “Bruttonationalglück” ein. Seitdem ist dieser Begriff oder das “Bruttoglücksprodukt” in der Diskussion – anstelle des Bruttosozial- oder Bruttoinlandsprodukts.
Mittlerweile ist dieser Ansatz, Wohlstand und Lebenszufriedenheit einer Gesellschaft ganzheitlich zu betrachten, auch in Deutschland angekommen, befördert von Ökonomen, Psychologen, Sozialwissenschaftlern und nicht zuletzt Gewerkschaftern. Bereits 2009 hatte die IG BCE gefordert, einen “Rat für verantwortliches Handeln in der sozialen Marktwirtschaft” einzurichten. Ende 2010 wurde in Berlin eine Enquête-Kommission des Bundestags zu den Themen “Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität” eingesetzt. Das Wort Glück war den fraktionsübergreifenden Antragstellern wohl eine Nummer zu groß. Aber Lebensqualität ist ja auch schon mal eine Größe.
Die Enquête-Kommission wird sich mit zahlreichen Fragen auseinandersetzen: Welches Wachstum wollen wir? Was bringt mehr Lebensqualität? Wie organisieren wir eine breitere Teilhabe am Fortschritt? Was macht Wohlstand und Lebensqualität eigentlich aus und wie ermitteln und messen wir dies?
Die Leipziger SPD-Abgeordnete Daniela Kolbe ist Vorsitzende der Kommission, die aus 17 Parlamentariern und 17 externen Sachverständigen besteht. Die CDU/CSU-Fraktion stellt sechs politische Vertreter sowie sechs Experten, die SPD je vier, die FDP je drei, Grüne und Linke je zwei. Ein Experte ist etwa Dietmar Hexel vom DGB-Bundesvorstand. Auch wenn Ergebnisse wohl auf sich warten lassen werden, kann bereits die Debatte – sofern ernsthaft und sachorientiert geführt – Einfluss nehmen auf die Kultur unseres Landes. Anderswo, in England oder Frankreich beispielsweise, laufen solche Debatten längst. Die USA etwa haben das “Streben nach Glück” schon in ihrer Unabhängigkeitserklärung von 1776 verankert.
Lebensqualität und Glück – wo liegt der Unterschied dazwischen? Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat eine Studie zur Lebenszufriedenheit von Zehntausenden Bundesbürgern erstellt: Eine stabile Partnerschaft macht glücklich. Anderen Menschen zu helfen macht glücklich. Freunde zu haben, Freund zu sein macht glücklich. Alles Dinge, die man nicht kaufen kann.
Der ehemalige Porsche-Chef Wendelin Wiedeking hat mal gesagt, die Höhe seines Gehalts würde die Nation nicht verkraften. Müssen wir uns Wiedeking als glücklichen Menschen vorstellen? Nein. Wir müssen ihn uns als reichen Menschen vorstellen. Probleme hat er trotzdem, wie jeder andere auch.
Bert Strebe, Foto: Konrad Lindenberg/CC BY-SA 2.0

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